Entwürfe

Inhalt:
Links-rechts-Mausfeld
 

2016-08-09

Die Links-Rechts-Demagogie. Ein Interview mit Rainer Mausfeld

Kritik zum Artikel in den Nachdenkseiten

Fangen wir mal mit dem an, wo ich zustimme: Was Mausfeld über die Medien sagt, ist wohl weitestgehend richtig. Auch, was den Zugriff auf komplexe Themen anbelangt: Da muss man immer das Gesamte im Auge behalten und sollte sich nicht auf Teilaspekte oder isolierte Denkräume beschränken. Und selbst, dass Mausfeld die Aufklärung als eine im Prinzip linke Idee vereinnahmt, würde ich ihm erstmal durchgehen lassen. Eine positive rechte oder konservative Idee beschreibt er erst gar nicht, wir werden gleich wissen, was das bedeutet.

Aber das, was zählt, das 'Ding an sich', hat er nicht auf dem Schirm. Das ist, wie wenn man ein Auto erklärt, Chassis und Innenraum beschreibt, aber nicht den Motor erwähnt.

Was ist Vernunft, was Aufklärung, was der kategorische Imperativ und was Humanismus?

Vernunft ist die Strukturierung und Kategorisierung sinnlicher Wahrnehmung, um Erfahrung zu generieren und daraus Regeln abzuleiten. Vernunft ist also ein Werkzeig für einen vertieften, erweiterten Zugang des Menschen zur Welt, eine Art Brennglas & Teleskop mit angeschlossener Analyseabteilung in einem, das sich im Zuge seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung im Austausch zu einer zunehmenden Instinktoffenheit herausgebildet hat. Wenn man mal davon ausgeht, dass die Entwicklung linear verlaufen sei (was vermutlich nicht stimmt) und die Menschheitsgeschichte, also die des Homo Sapiens, 200.000 Jahre alt ist, die der humanoiden Spezien aber vermutlich noch weit länger zurück reicht, vielleicht 1 Mio Jahre, dann besaß der Mensch diese Fähigkeit zur Abstraktion, zur Anschauung und zum Handeln im geistigen Vorstellungsraum vor 2.000 Jahren annähernd in gleichem Maße wie heute und selbst vor 20.000 Jahren bereits zu 98%. Aufklärung ist nichts anderes als der Mut, sich seines Verstandes, also der Vernunft, zu bedienen und sie anzuwenden, auch gegen religiöse oder andere gesellschaftliche oder kulturelle Herrschaftsdogmen. Es ist also eine Protestbewegung. Davon gab es vermutlich etliche. Der kategorische Imperativ ist ein aus der Vernunft gewonnenes Rezept zur dauerhaften Wahrung des Friedens innerhalb einer oder zwischen mehreren oder gar allen Gesellschaften und Humanismus ein erweitertes Regelwerk dafür.

Aber Vernunft, Aufklärung oder Humanismus sind keine Lebensinhalte, keine Bedürfnisse, kein Motor. Nichts, wonach der Mensch strebt oder wo es ihn per se hinzieht. Nichts, was ihn bewegt oder antreibt. Vernunft ist ein Werkzeug. Vernunft im Sinne von Humanismus vermag einen Rahmen zu stecken, innerhalb dessen der Mensch sich bewegen sollte, wenn er mit anderen gut auskommen möchte, ebenso wie man mit ihrer Hilfe zum Zwecke des Erzielens persönlicher oder hordenbezogener Vorteile effektivere Waffen herstellen kann, um Rivalen auszuschalten, aber sie ist weder so noch so das, was das Leben ausmacht. Das Leben ist bestimmt von Antrieben, Instinkten, Spontaneität und Spiritualität.

Die 'black box' der Aufklärer

Das große Missverständnis der Aufklärer bzw. der Linken besteht ja darin, dass sie meinen, die Welt sei im Prinzip vernünftig, es gäbe eine Art Primat der Vernunft und die Welt sei von der Vernunft bestimmt, man muss nur u.U. ein wenig nachhelfen. So ist es aber nicht. Und Kant behauptet das auch gar nicht, sein 'Ding an sich' bleibt vielmehr dem Zugriff der Vernunft prinzipiell entzogen. Erst Hegel versucht intellektuellen Zugang zum 'Ding an sich' zu bekommen. Marx stellt ihn dann wieder vom Kopf auf die Füße, indem er sagt, das Sein bestimmt das Bewusstsein. Er hat dabei aber vor allem das gesellschaftliche Sein im Sinn, was eben bestenfalls die Hälfte des Seins ist. Schopenhauer macht es besser, indem er das 'Ding an sich' im Irrationalen, im Willen, also in den Trieben verortet und vermutlich auch in der Spiritualität, wie man aus seiner späteren Hinwendung zum Buddhismus schließen kann.

Und deshalb hat Mausfeld auch keine Definition für rechts. Weil er die Welt des Irrationalen, der Triebe und Antriebe einfach ausblendet. Oder sie für böse erklärt. Deshalb kann Sozialismus und Kommunismus mit einem solchen Menschenbild auch nie mehr sein als eine Protestbewegung, von der die Menschen sich in dem Moment, in dem sie erfolgreich ist, also etwa für gerechte Verhältnisse oder soziale Sicherheit sorgt, abwenden, weil sie vom Leben selbst eben gar keine realistische Vorstellung hat bzw. das ausblendet, was das Leben ausmacht. Und der sie sich natürlich gar nicht erst zuwenden, wenn sie sich so wie heute bereits im Vorfeld als Teil des Herrschaftssystems vereinnahmen lässt.

Selbst ein Gesetz wie etwa das GG ist ja nur eine Aufzählung dessen, was man alles nicht machen darf. Man kann sich allenfalls in Abgrenzung zu anderen damit identifizieren, nicht aber positiv und um seiner selbst willen. Leben besteht nämlich nicht aus dem, was man nicht tut oder tun darf, sondern aus dem genauen Gegenteil dessen, also aus dem, was man tut. Daher sieht das GG neben einer Sittenlehre wie der Scharia oder anderen ja auch immer so blass aus. Vor allem, wenn man dann auch noch die Fahne weglässt ...

Mitgenannt ist Mitgehangen

Ach ja, was ich Mausfeld auch noch übel nehme, ist natürlich der Umstand, dass er 'wir' sagt, wenn er (westliche) Eliten meint. Ich sitze aber nicht mit denen am Tisch, wenn sie speisen (sondern stehe auf der Karte), warum sollte ich dann deren Rechnung übernehmen? Selbst wenn die westlichen Volkswirtschaften insgesamt sich aufgrund ihrer verbrecherischen Aktivitäten in der Dritten Welt verdoppelten, so wird der Lebensstandard der westlichen Mittelschicht und darunter durch den Umstand, dass sie durch die eigenen Eliten sowieso ausgeplündert werden, dennoch unterm Strich abgesenkt. (Gut, für einen Professor wie Mausfeld mag die Bilanz anders aussehen, dann gehört er aber schon zur Oberschicht, den oberen 10% und ist mit seinen Aussagen eben auch Teil des Systems). Ganz zu Schweigen von den Folgen der Politik, die wir dann auch noch übernehmen sollen. Man kann also allenfalls sagen, dass die einfachen Bürger im Westen von den Eliten weniger stark ausgebeutet werden als die in der Dritten Welt oder anderswo.

Linke werden ja gemeinhin gerne als Altruisten dargestellt, Rechte als Egoisten. Ich sage mir dann immer, wenn ich will, dass es mir gut geht und darüber hinaus auch noch möchte, dass es anderen gut geht, schon alleine deshalb, damit die anderen nicht aus Neid oder Not über mich herfallen, dann muss man im Prinzip links & rechts miteinander verbinden, damit es allen gut geht.

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1 Kommentar

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Frank Geppert
2016-08-09, 12:13:24
Der letzte Absatz gefällt mir am besten.

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(Auf die Auswahl der Beiträge habe ich keinen Einfluss)

Last edit: 2017-02-11 | 08:16

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